Wir sind Finale!

01 Mai, 2013

Dortmund erreicht Finale der Champions League!

Wer hätte das gedacht?

Wäre bei der Gruppenauslosung der Champions League jemand auf die Idee gekommen, Dortmund würde am Ende das Finale erreichen und die “Road to Wembley” bis zur Endstation nehmen, man hätte ihn vermutlich für noch verrückter als Jürgen Klopp erklärt. Die im Vorfeld unmöglich erscheinenden Aufgaben gegen Real Madrid, Manchester City und Ajax Amsterdam sollten, rückwirkend betrachtet, allerdings nur ein Prolog zu dem Meisterstück sein, welches Dortmund seit September abliefert und damit komplett Fußball-Europa auf den Kopf stellt.

Sichtlich erwachsener geworden, gereift, gefestigt, flexibel und unberechenbar tritt man gegen Mannschaften auf, mit denen man sich vor einigen Jahren nur ungern die Stirn geboten hätte. Aus dieser Gruppe als Gruppensieger hervorzugehen, Real Madrid hinter sich zu lassen und Manchester City in die Euro-League zu verabschieden war bereits mehr als sich die Fans und Verantwortlichen in dieser Saison vorstellen konnten. So wurde binnen kürzester Zeit aus einem vermeintlichen Außenseiter eine absolute Überraschung. Bereits nach den Gruppenspielen gegen Real Madrid ließ sich Jose “The Special One” Mourinho seine eigene kleine Prognose entlocken, laut welcher Borussia Dortmund zu den absolut ernsthaften Titelaspiranten zählen wird. Er sollte recht behalten ..

Die Ausgangssituation im Halbfinal-Rückspiel in Madrid war sensationell, fast schon komfortabel. Man kam mir einer brillanten 4:1 Führung aus dem Hinspiel im Rücken ins Estadio Santiago Bernabéu nach Madrid. Alle waren an Bord, alle waren heiß. Die letzten Fragezeichen um Lukas Piszczek waren ausgeräumt, Mario hatte seinen Kopf bereits seit der Galavorstellung der Borussen im Hinspiel wieder frei und Klopp hatte richtig Lust auf ein geiles Spiel.

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Allen Beteiligten war bereits vor Anpfiff klar, dass es für die Mannen um Ronaldo, Özil und di Maria nur in eine Richtung gehen kann. Sie standen quasi mit dem Rücken zur Wand und mussten ihr Heil in der Offensive suchen, möglichst schnell ein Tor erzielen und Dortmund so früh unter Druck setzen. Wer verschlafen hatte, im Stau stand oder eine andere schlechte Ausrede fand um nicht rechtzeitig zum Anpfiff auf den bis auf den letzten Platz gefüllten Rängen Platz genommen zu haben, wurde leider nicht Zeuge wie Roman Weidenfeller der Offensive von Madrid bereits in der Anfangsviertelstunde mehrmals die Grenzen aufzeigte. Erst parierte er gegen di Maria aus kurzer Distanz als er lange stehen blieb und die kurze Ecke zumachte, dann wurde er zur menschlich gewordenen Wand, als er einen Volleyschuss von Cristiano Ronaldo aus 8 Metern mit einem Oberkörper entschärfte. Kurz darauf war es Mesut Özil der unseren Keeper verlud, dann allerdings knapp am Gehäuse vorbei zielte.

Es war ein Hexenkessel und die mitgereisten Fans wurden Zeuge einer Champions-League Partie bei der man jederzeit sah worum es den beiden Mannschaften ging. Madrid wollte die anfängliche Unsicherheit der Dortmunder Hintermannschaft nutzen um zu einem frühen Treffer zu gelangen, allerdings stand die Defensive um Mats Hummels nach und nach immer besser und man konnte das Spiel ein wenig ins Mittelfeld verlagern. Wer allerdings glaubte, dass sich der BVB nur auf die Defensive beschränken wollte, sollte recht schnell eines Besseren belehrt werden. Durch das konsequente und energische Spiel gegen den Ball ergaben sich durchaus aussichtsreiche Kontergelegenheiten die allerdings phasenweise nicht konzentriert genug zu Ende gespielt wurden. Allein BVB-Urgestein Kevin Großkreutz leistete sich leichte Unkonzentriertheit um den finalen Pass in die Spitze zu spielen. Einzig Robert Lewandowski kam in der ersten Halbzeit, welche leider 30 Minuten ohne Mario Götze stattfinden musste, welcher sich wohl einen Muskelfaserriss zuzog, zu einer guten Einschussmöglichkeit. Allerdings fand er in dem glänzend aufgelegten Vertreter von Iker Casillas, Diego Lopez, seinen Meister.

Man ging mit einem 0:0 in die Halbzeit und hatte an dieser Stelle bereits die Hälfte des Höllenrittes überstanden.

Mats Hummels und Roman Weidenfeller weltklasse!

Wie bereits in der ersten Halbzeit praktiziert, setzte Real Madrid alles auf eine Karte und war unheimlich daran interessiert die Dortmunder in die Defensive zu drängen. Doch der Defensivverband um Mats Hummels und Neven Subotic hatte die Bindung zum Spiel gefunden und ließ in Richtung Roman Weidenfeller kaum noch Gelegenheiten zu, was auch der äußerst starken und immer präsenten Doppelsechs, bestehend aus Ilkay Gündogan und Sven Bender, zuzuschreiben war. Besonders bemerkenswert hierbei ist, dass beide bereits im ersten Durchgang mit Gelb verwarnt wurden und bei einem weiteren Vergehen im Finale gefehlt hätten. Der Madrider Albtraum in Person von Robert Lewandowski hätte unmittelbar nach der Pause die Weichen auf Sieg stellen und die Nerven aller Anhänger beruhigen können, als er nach Pass von Kuba Blaszczykowski den Ball nicht ins Netz, dafür aber an den Querbalken setzte. Der Ball kam unmittelbar vor der Torlinie wieder zu Rasenkontakt und wurde anschließend aus dem Gefahrenbereich befördert. Madrid setzte fortan noch mehr auf die Offensive. Benzema und Kaká kamen ins Spiel und stellten die Dortmunder vor weitere schwere Momente – dachte man – doch die Defensive, allen voran Mats Hummels, ließ kaum etwas zu. Gleichzeitig führte die Umstellung bei Real zu Lücken in der eigenen Hintermannschaft, welche nach einem lehrbuchmäßig vorgetragenen Konter leider nicht bestraft wurden. Gündogan scheiterte nach Querpass aus kürzester Distanz und ließ die endgültige Entscheidung weiter offen. Diese, von Dortmund nicht genutzten Chancen, sollten in der Schlussphase noch für die ein oder andere Schweißperle auf der Stirn von Jürgen Klopp, Michael Zorc und Acki Watzke sorgen. Die Fans feierten bereits ausgelassen auf der Tribüne, der BVB wollte das Unentschieden über die Zeit bringen und ließ Real immer wieder anrennen.

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Doch plötzlich schaffte es Özil sich gegen Marcel Schmelzer durchzusetzen, legte einen gut getimten Ball unmittelbar ins Zentrum und Benzema musste nur noch den Fuß hinhalten. Acht Minuten vor Ende stand es auf einmal 1:0 und die Spanier bekamen die zweite Luft. Der bärenstarke Roman Weidenfeller war es, der die Mannschaft in der 88. Minute, nach einem Schuss von Ronaldo, mit einer klasse Reaktion weiter im Spiel hielt. Allerdings musste er sich unmittelbar danach ein zweites Mal geschlagen geben, als Ramos den Ball aus etwa fünf Metern hoch im Tor unterbrachte. Spätestens jetzt sollte man den vergebenen Chancen ein wenig nachtrauern, denn so wurden die letzten Minuten dieser Partie wohl die längsten die man sich vorstellen kann. Acki Watzke hielt dem Druck nicht mehr Stand, verließ den Ehrenplatz neben dem spanischen König und schloss sich in einer Stadiontoilette ein und alle fieberten dem Abpfiff entgegen. Anstatt der angezeigten fünf, ließ Howard Webb etwas mehr als sechs Minuten nachspielen. Die letzten Momente sind schnell beschrieben. Ein letzter langer Ball wird von Hummels rausgeköpft, der Schiedsrichter holt Luft, pfeift die Partie ab und der BVB bricht vor lauter Euphorie gefühlt zusammen. Spieler, Trainer, Betreuer, Auswechselspieler, Trikotwäscher und Busfahrer liegen sich in den Armen und können den historischen Moment kaum begreifen. Nach 16 Jahren steht der BVB wieder im Finale des wichtigsten Wettbewerbs für Vereinsmannschaften. Die “Road to Wembley” wird bis zur Endstation genommen. Kalle Riedle sitzt im Studio vom Bezahlsender Sky und kann es wie alle anderen auch noch nicht wirklich begreifen – ganz große Momente!

Text: Benjamin Gräbe / Fotos: Daniel Marx

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