Bier 2.0

16 Mrz, 2009

1. Ein gutes Bier braucht sieben Minuten.

2. Bier muss geplöppt werden, bevor man es trinkt.

3. Es gibt immer noch Meier …

Mythen ranken sich um die ureigenste Form der konventionellsten Kultivierung des öffentlichen Trinkgelages ebenso wie Geschichten, die besser auf der anderen Seite des Tresens sicher verschlossen bleiben sollten.

Die Kneipe ansich ist für Dortmund neben dem U und dem Ruf der Bierstadt mit großer Sicherheit das Aushängeschild in Sachen Trinkkultur, die wenn man in einem deutschen Umfeld aufgewachsen ist zum festen Bestandteil der Abendunterhaltung seit Kindesbeinen gehört.

Auf der einen Seite die Geschichten wenn wieder einmal der Dorfpfarrer einen über den Durst getrunken hat, Maurer Heinz den Stress mit der Familie durch Druckbetankung verdrängen will.

Auf der anderen Seite auf dem Dorf und in der Stadt der Ort, wo nicht unbedingt nach dem Ausweis gefragt wird, wenn man mal ein kühles Blondes in nicht Supermarkt-tauglichem Alter konsumieren möchte und auch dem Glimmstengel nicht abgeneigt scheint. Kippen-Schnorren auf Ü50 Parties als Mutprobe des eigenen Wunsches erwachsen zu wirken.

Können seit dem Schlupfloch in der Rauchverbotsregelung wieder alle Räumlichkeiten, die bei man bei Tageslicht oder direkter Beleuchtung besser nicht sehen, zugequalmt werden und den Gedanken wegtrinken lassen, wann hier denn das letzte Mal gelüftet wurde. Die Kneipe ansich ist Rustikalität, billige Bierpreise, der Deckel als legitimstes Zahlungsmittel der Welt und ein “jeder dreht sich um wenn ein Fremder die Türschwelle betritt”.

Dank Erlebnisgastronomie-Ketten übt für die postpubertären prä-Volljährigen die Abgescheidenheit und Urigkeit nicht den Reiz aus, die eine Klecker-Bunti Cocktailbar mit stylischem Analtanz-fähigem Szene R&B von Laptop DJs, die nebenbei Caipis mit gepanschtem Discounter-Schnaps mixen, innehält. Ebenso wie solche Satzstrukturen, die sowohl an Tresen als auch auf Velours Sitzpolster ein “Watt willst du?” lostreten.

Die Kneipe ist ein Ort der einfachen Worte, Gesten und Handlungen. Ist die Frau mal wieder zickig, kipp nen Bier drüber. Hat der einzige Sohn sein Outing gemacht, Herrengedeck auf Deckel bis man nicht mehr mit kleinen Scheinen zahlen kann.

Ratschläge der Kumpel und des Wirtes müssen Tresenthesen tauglich sein, also im Kern auf maximal drei Schlagworte reduizert werden: Arbeit – Problem -> trinken. So einfach geht das.

Wo lustige Cocktailschirmchen sowie eine Portion Zierobst und eine halbe Hecke Grünzeug bei obszönen Denglisch-sprachigen Bezeichnungen auf der Karte für anzügliche Spielchen herhalten können, sind auch die Toiletten so sauber, dass der Koksdealer deines Vertrauens hier eine Zweigstelle errichten kann, um zwischen Clerasil-Vertrieb und Familienmagazinen beim Brunch einen Stand zu betreiben.

Wie lange kommt die Kneipe noch gegen die Eindringlinge an? Aus den Stadtkernen ziehen sich die schmucken Läden aus Kostengründen sichtbar zurück, wenn nicht durch besondere Kniffe ein neues Image kultiviert wird oder das Etikett Pub herhalten muss. Bleiben noch die Immobilien, die nicht mehr als bewohnbar gelten und nur deshalb am Gesundheitsamts-Besuch vorbeikommen, weil keiner vorbeikommen will aus gesundheitlichen Gründen. Und das Dorf ansich ebenso, dass noch immer keiner Schimmer davon hat, wieviel Sex in einem Sex on the beach wirklich drin steckt.

Dieser Text stammt von Moritz Schulze-Beckinghausen

Lifestyle
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